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Entfernung, der Abstand eines Objekts zum Beobachter. Entfernungen im Kosmos spielen eine entscheidende Rolle bei allen Überlegungen zu Anfang, Ende, Endlichkeit oder Unendlichkeit des ►Universums. Somit sei ihnen ein längerer Abschnitt in diesem Wörterbuch gewidmet. Bei der Entfernungsbestimmung von Himmelsobjekten werden Astronomen mit zwei Schwierigkeiten konfrontiert. Woher weiß man, wie weit entfernt ein Lichtpunkt oder Lichtfleck am Himmel ist? Und was ist Entfernung überhaupt? Falls Sie glauben, die Antwort auf die letzte Frage sei trivial, lesen Sie besser weiter. Was ist Entfernung? Bereits auf unserer Erde ist Entfernung zweideutig. Betrachtet man die Erde als zweidimensionale Kugeloberfläche, ist die Entfernung die kürzestmögliche Strecke, die man auf der Oberfläche zurücklegen muss, um zu einem Ort zu gelangen. Diese Strecke folgt somit der Krümmung der Erdoberfläche und erscheint, wie Flugreisende wissen, auf einer Weltkarte in der Regel als gekrümmte Linie. Sieht man aber die Erde als Kugel im dreidimensionalen Raum an, ist die Entfernung zwischen zwei Orten eine gerade Strecke, die quer durch den Erdball führt. Entfernung hängt also von der Geometrie des betrachteten Raums ab - und umgekehrt benutzt man eine Entfernungsdefinition, um die Geometrie des Raums festzulegen*. Noch komplizierter wird die Entfernungsfrage, wenn sich der Raum permanent ausdehnt, so wie es in unserem Universum der Fall ist. Denn hier hängt die Entfernung zu einem Objekt vom Zeitpunkt der Messung ab. Wegen der endlichen ►Lichtgeschwindigkeit sehen wir entfernte Objekte nicht an dem Ort, an dem sie heute sind. Wir sehen sie vielmehr an dem Ort, an dem sie waren, als sie das Licht ausstrahlten, das uns heute von ihnen erreicht. Mit dem Blick in die Entfernung blicken wir zugleich in die Vergangenheit. Lichtstrahlen und Scheinriesen Die ►Astronomie kennt (mindestens) vier verschiedene Arten von Entfernungen:
Die Winkeldistanz ist geringer als die Lichtlaufdistanz und wird bei weit entfernten Objekten sogar wieder kleiner. Der Grund für dieses paradoxe Verhalten liegt darin, dass das Licht, das uns von ferneren Objekten erreicht, zu einem Zeitpunkt abgestrahlt wurde, als das Universum kleiner war. Diese Objekte waren uns also zu diesem Zeitpunkt also näher und erscheinen damit größer, obwohl sie heute weiter entfernt sind. Ein Objekt in einer Lichtlaufdistanz von 13,7 Milliarden Lichtjahren erschiene uns sogar unendlich groß. Denn da dieses sein Licht kurz nach dem Urknall abgestrahlt hat, war zum Zeitpunkt der Abstrahlung der Universum extrem klein und das Objekt praktisch am gleichen Ort wie die spätere Erde. Ein solches Objekt ist die schon erwähnte Hintergrundstrahlung, die vor 13,7 Milliarden Jahren entstand und daher das gesamte Firmament ausfüllt. Aber auch 'normale' Himmelsobjekte wie Galaxien und Quasare werden ab einer Eigendistanz von etwa 15 Milliarden Lichtjahren zu 'Scheinriesen', die umso größer erscheinen, je weiter sie entfernt sind**.
Der Rotverschiebungs-Irrtum Die kosmische Rotverschiebung ist keineswegs, wie man noch in vielen
Büchern
lesen kann, auf einen Dopplereffekt† infolge des 'Auseinanderfliegens'
der Sterne
zurückzuführen. Auch andere Ursachen, wie etwa ein 'Ermüden' des Lichts auf seinem
langen Weg, sind als Ursache auszuschließen. Das kann man daran erkennen, dass
das Licht nicht nur ins Rote verschoben, sondern wirklich auseinandergedehnt
wird. Wir sehen daher kosmische Ereignisse quasi in Zeitlupe. Das Aufleuchten
von Supernovae etwa dauert scheinbar umso länger, je weiter die explodierende
Sonne von uns entfernt ist. Wenn Sie also in der Zeitung lesen, man habe eine zwölf Milliarden Lichtjahre entfernte Galaxie entdeckt, müssen Sie sich fragen, ob die Eigendistanz, die Lichtlaufdistanz oder die Winkeldistanz gemeint ist††. Wegen dieser Mehrdeutigkeit ziehen Astronomen es vor, für weit entfernte Objekte nur die Rotverschiebung anzugeben. Daraus lässt sich im Diagramm unten leicht jede der drei anderen Entfernungen ablesen, ebenso wie das Alter des Ereignisses, das der Lichtlaufdistanz in Jahren entspricht. Bei nahen Objekten im Bereich unter 2 Milliarden Lichtjahren, in dem die Expansion des Universums kaum eine Rolle spielt, sind alle Distanzen gleich.
Kosmische Distanzen und Rotverschiebung Man sollte nun meinen, dass die Entdeckung der Rotverschiebung das Problem
der Bestimmung kosmischer Entfernungen ein für allemal gelöst hat. Doch
das ist leider nicht so, denn zum einen erreicht erst ab einer Entfernung
von einigen Millionen Lichtjahren die kosmische Rotverschiebung einen messbaren
Wert. Darunter überwiegt der Einfluss durch Schwerkraft und Eigenbewegung
der Sterne. Zum anderen muss man den genauen Zusammenhang der Rotverschiebung
mit den anderen Entfernungen ja erst einmal ermitteln. Er ist abhängig
von der Ausdehnungsgeschwindigkeit des Universums. Diese wiederum ändert
sich mit der Zeit, was die Sache nicht einfacher macht. 30 Wege zur Entfernung Wie aber misst man nun die Entfernung eines im Fernrohr schwach
flimmernden Pünktchens am Firmament? Eine Möglichkeit wäre, einfach hinzureisen
und die zurückgelegte Wegstrecke aufzuzeichnen. Doch solange wir noch keine
interstellaren
Der am weitesten von uns entfernte Quasar erreicht eine Rotverschiebung von 6,43‡. Er ist mittlerweile etwa 30 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt; sein Licht hat für die Reise zu uns 12,8 Milliarden Jahre gebraucht. Es gibt jedoch ein noch weit 'rotverschobeneres' Objekt im All: die schon erwähnte kosmische ►Hintergrundstrahlung. Sie hat einen Rotverschiebungswert von 1089 - ihre Wellenlänge wurde also um mehr als das Tausendfache gedehnt. Ihr Licht ist längst nicht mehr sichtbar, sondern nur mit Mikrowellenempfängern messbar. Aus dem Faktor 1089 kann man zurückrechnen, wann diese Strahlung entstanden ist, nämlich vor 13,7 Milliarden Jahren kurz nach dem ►Urknall. Das Rotverschiebungs-Rätsel Zum Abschluss noch eine kleine, aber keineswegs triviale Rätselfrage. Die Energie eines Lichtteilchens hängt von dessen Wellenlänge ab. Je röter das Licht ist, desto geringer dessen Energie. Durch die kosmische Rotverschiebung nimmt die Energie der den Raum durcheilenden Lichtteilchen also ständig ab. Zugleich besagt jedoch ein fundamentaler Satz der Physik - der Energieerhaltungssatz - dass Energie nicht verschwinden, sondern immer nur in andere Formen umgewandelt werden kann. Wo also bleibt die Energie des Lichts?‡‡ * Das Studium von Entfernungen bezeichnet man als Geometrie. In einem dreidimensionalen nichtgekrümmten Raum (s. Parallelen) ist die Entfernung durch den Satz des Pythagoras festgelegt:
Dabei ist ds das sogenannte Linienelement, nämlich die Entfernung zweier benachbarter Punkte, deren Koordinaten sich um die Beträge dx, dy, dz unterscheiden. Entlang der Erdoberfläche hingegen beträgt die Entfernung zwischen zwei Orten, die sich im Längengrad φ und im Breitengrad θ unterscheiden (r ist der Erdradius):
Das Linienelement hat für die gleichen zwei Orte bei der Kugeloberfläche einen anderen Wert als im dreidimensionalen Raum. Eine Entfernungsdefinition per Linienelement bezeichnet man auch als Metrik des betreffenden Raums. Das Raum-Zeit-Kontinuum unseres realen Universums hat vier ►Dimensionen - x, y, z und die Zeit t eines Ereignisses. Das vierdimensionale Linienelement bekommt damit bei einem nicht gekrümmten Raum folgenden Wert:
Dies ist die Metrik unseres Universums, die so genannte Robertson-Walker-Metrik für einen nicht gekrümmten Raum. Hierbei ist c die Lichtgeschwindigkeit und a(t) ein Skalenfaktor, der die Größe des sich ausdehnenden Raums zur Zeit t bestimmt. ** Der Scheinriese in Michael Endes Roman Jim Knopf besitzt die gleiche umgekehrte Perspektive wie weit entfernte Galaxien. *** Spektrallinien sind bestimmte Wellenlängen, die erhitzte Elemente wie Wasserstoff oder Helium ausstrahlen. Wenn man das Licht von Sternen in ein Spektrum einzelner Wellenlängen zerlegt, erscheinen diese im Spektrum als helle Linien. **** Die Rotverschiebung z ergibt sich aus dem Verhältnis der empfangenen zur original ausgestrahlten Wellenlänge. Dieses entspricht dem Verhältnis der Größe R des Universums zum heutigen Zeitpunkt und zum Ausstrahlungszeitpunkt:
Aus einer beobachteten Rotverschiebung z lässt sich die Entfernung des Objekts berechnen, indem man über die Ausdehnungsgeschwindigkeit des Raums integriert. Die Formel sieht etwas gefährlich aus, berücksichtigt aber die beschleunigte Ausdehnung des Universums durch die Dunkle Energie:
wobei D = Eigendistanz, c = Lichtgeschwindigkeit (ca. 300.000 km/s), H0 = Hubble-Konstante (ca. 22 km/s pro Lichtjahr), Ω0 = Anteil normaler und Dunkler Materie im Universum (ca. 0,27) und ΩΛ = kosmologische Konstante, d.h. Anteil Dunkler Energie im Universum (ca. 0,73). In einem flachen, euklidischen Universum gilt Ω0 + ΩΛ = 1. Der Wert des Integrals lässt sich mit einem Mathematikprogramm, z.B. Maple, oder - billiger - mit einem Funktionsrechner im Internet, z.B. auf wims.unice.fr, numerisch für beliebige z-Werte berechnen. Wer nicht rechnen mag, kann den Wert auch im Entfernungsdiagramm ablesen. Der Radius des ►Hubble-Volumens ergibt sich damit aus der um z = 1089 verschobenen Hintergrundstrahlung zu D = 46 Milliarden Lichtjahre. † Licht von sich auf uns zu bewegenden Objekten erscheint blauer, Licht von sich weg bewegenden Objekten röter. Der gleiche Effekt lässt die Hupe eines auf uns zurasenden Autos höher klingen als wenn sich das Auto von uns entfernt. †† Meistens die Lichtlaufdistanz, obwohl die Eigendistanz logischer wäre. Da solche Publikationen oft auf Englisch im Internet erfolgen, hier die englischen Bezeichnungen (die deutschen sind eher ungebräuchlich): Eigendistanz = Proper Distance; Lichtlaufdistanz = Light Travel Distance; Winkeldistanz = Angular Size Distance; Rotverschiebung = Redshift; Milliarde Lichtjahre = Gigalightyear = Gly. ††† 1 Bogensekunde = 1/3600 Winkelgrad. Der Kehrwert der halben Verschiebung in Bogensekunden ergibt die Entfernung in Parsec (s. ►Astronomie): 1/(0,5∙0,6") = 3,33 Parsec = 10,8 Lichtjahre. †††† Die Leuchtkraft ist proportional der sichtbaren Sternscheibe, d.h. dem Quadrat des Sternradius. Die beobachtete Helligkeit ist dem Quadrat der Entfernung umgekehrt proportional, d.h. aus der doppelten Entfernung erreicht uns ein Viertel des Lichts. ‡ Kürzlich wurde ein noch ferneres Objekt entdeckt, nämlich die Galaxie ►Abell 1835 IR1916 mit einer Rotverschiebung von 10 und einer Lichtlaufdistanz von 13,2 Milliarden Lichtjahren. Diese Entdeckung war möglich, weil der Galaxienhaufen Abell 2218 als ►Gravitationslinse wirkt und das Bild dahinter liegender Galaxien vergrößert. ‡‡ Nirgends. Man könnte meinen, dass die Energie für den erforderlichen 'Druck' zur Ausdehnung des Raums verbraucht wird, doch die Ausdehnung verringert tatsächlich dessen Energie. Der Energieerhaltungssatz gilt streng nur für sogenannte Inertialsysteme, d.h. Systeme, die keiner Beschleunigung unterliegen. Das Universum ist aufgrund seiner Expansion kein Inertialsystem. Die Gesamtenergie nimmt in einem expandierenden Universum ab und in einem kollabierenden Universum zu. Weblinks zum Thema ■ Rotverschiebung
(Wikipedia)
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